Intelligente Integration umsetzen – aber wie?

Integrierte Sicherheitslösungen gehören zum Kernangebot unserer Branche. Der Siegeszug offener Standards, wie etwa ONVIF oder PSIA, hat es Anwendern ermöglicht, durch die Verknüpfung verschiedenster Produkte und Systeme zusätzlichen Nutzen und Mehrwert für ihr Unternehmen zu erzeugen.

Auf der einen Seite sorgen Standards und Normen also für Innovation, auf der anderen gibt es aber immer noch Auslegungsspielraum und somit abweichende Interpretationen. Das Einhalten von Standards heißt daher nicht automatisch, dass Geräte oder Systeme untereinander kompatibel sind. Leicht ergeben sich Kommunikations- und Interpretationsprobleme, verringern sich Optionen.

Hersteller müssen hierauf antworten, indem sie sich die Weiterentwicklung und Verfeinerung von Standards auf die Fahnen schreiben. Darüber hinaus müssen Sie anfangen, Integration als mehr als nur den Informationsaustausch zwischen zwei Systemen zu betrachten. Vielmehr sollte Integration als eine Philosophie aufgefasst werden, die Kunden und Anwendern dabei hilft, ihre jeweiligen Geschäftsziele zu erreichen und betriebliche Abläufe zu verbessern.

Für unsere Reihe “The Interview Room” fragen wir David Aindow nach seinen Gedanken zum Thema Integration in der Sicherheitsbranche, nach Zukunftstrends und nach dem Einfluss, den die Nachfrage aus Kundenbranchen auf die Produktentwicklung hat.

David Aindow ist Product and Technology Director bei Synectics und als solcher verantwortlich für die strategische Produktentwicklung.

Herr Aindow, wie sieht momentan die Nachfrage nach integrierten Lösungen aus?

Die ist erheblich, wobei individuelle Bedürfnisse je nach Anwenderbranche variieren. Nehmen wir zum Beispiel die Bereiche Hochsicherheit, Öl & Gas und Kritische Infrastrukturen. In diesen Umgebungen ist die Integration von Perimeterüberwachung, Zutrittskontrolle und Einbruchmeldesystem eine Mindestanforderung.

Die Nachfrage reißt hier nicht ab. Organisationen in diesen Branchen fordern verbessertes Lagebewusstsein in Verbindung mit schneller und gezielter Reaktion auf Vorfälle. Offene Standards haben in diesem Bereich schon viel geleistet. In ihrer Weiterentwicklung müssen sie jetzt aber klarer und rigoroser werden, ohne dabei ihr Innovationspotential einzuschränken.

Wir sind zunehmend an Projekten beteiligt, die derart hochkomplexe Integrationen verlangen, dass die Grenzen des, mit offenen Standards bisher Möglichen überschritten werden. Ein gutes Beispiel sind Systeme zur Inhaltsanalyse von Videos. Diese basieren weitgehend auf dem gleichen Funktionsprinzip, unterscheiden sich aber je nach Hersteller in der Art und Weise, wie sie Alarme formulieren und auslösen. Es bedarf hier also eines Frameworks, das die Erfassung und Verarbeitung bestimmter Ereignis- und Bilddaten standardisiert, so dass Anwender tatsächlich den vollen Funktionsumfang dieser Systeme ausschöpfen können.

Nach welchen Entwicklungen sollten wir in Zukunft Ausschau halten? Was sind die großen Trends?

Auch das hängt von der Anwenderbranche ab. Wenn wir beim Thema Hochsicherheit und kritischer Infrastruktur bleiben, denke ich, dass hier verstärkt versucht werden wird, auf Systeme zuzugreifen, die traditionell außerhalb des Einflussbereichs der Sicherheitstechnik lagen. Ungenutztes Potential liegt hier vor allem in der besseren Integration, Verwaltung und Deutung von Daten, die von anderen wichtigen System erzeugt werden. Die Fähigkeit, bisherige Systemgrenzen zu überschreiten, externe Daten einzuholen, zu interpretieren und diese dann als sicherheitsrelevante Informationen darzustellen, wird ein entscheidendes Merkmal erfolgreicher Lösungen der Zukunft sein.

So liegen in der Schifffahrt, in Öl und Gas und in anderen Offshore-Umgebungen wichtige Systeme, wie etwa Radar, außerhalb des physischen Sicherheitssystems. Sie verfügen über separate Anzeigegeräte, Benutzeroberflächen und Datenströme, die nicht Teil des Überwachungssystems im engeren Sinne sind. Radar- und Überwachungssysteme enger miteinander zu verbinden hat aber klare Vorteile. Netzwerkinfrastruktur und Daten systemübergreifend zu teilen, ermöglicht es, Gefahren automatisch zu erfassen und durch Kamerapositionierung zu verfolgen. So kann ein Sicherheitsmitarbeiter Risiken identifizieren, beobachten und angemessen reagieren.

Die Integration von Systemen der physischen und Cyber-Sicherheit wird ebenfalls an Bedeutung gewinnen. Data-Mining wird es ermöglichen, versteckte Risiken sichtbar zur machen. Wie bei jedem anderen System auch, könnte jedwede Abweichung von voreingestellten IT-Systemparametern erfasst werden und Alarme und Meldungen auslösen. Die Sicht auf das IT-System gibt somit ein vollständigeres Bild der Sicherheitslage. So kann man dann auch die folgende Frage stellen: Wenn jemand meine elektronischen Systeme angreift oder meine Webseite zum Absturz bringt, ist dieser jemand zugleich eine physische Bedrohung?

Wohin geht also die Reise – im Hinblick auf den Markt und die Produkte?

Wenn die Sicherheitsbranche sich weiterentwickeln und für Anwender relevant bleiben will, dann muss sie sich mit der Konzeption von Sicherheitsplattformen beschäftigen, die in der Lage sind, kritische Systeme nahtlos miteinander zu verschmelzen. Ich persönlich glaube fest daran, dass wir grundsätzlich immer eine intelligent integrierte Lösung anstreben sollten. Das sollte zum Standard werden. Ziel kann es nicht bloß sein, die einfache Kommunikation zwischen Systemen zu ermöglichen.

Im Hinblick auf individuelle Integrationen müssen wir als Hersteller sowohl reaktiv als auch proaktiv sein. Märkte müssen wir uns nach Branche und geographisch segmentieren und dann mit den jeweils zentralen Systemhäusern zusammenarbeiten. Für jede angefragte oder vorliegende Integration sollten wir uns dann die jeweilige Technologie ganz genau anschauen und gemeinsam definieren, wie gute Integration im Einzelfall aussieht und wie wir sie erreichen können (zum Beispiel unter Rückgriff auf bestehende Standards). Ganz besonderes Augenmerk muss dabei darauf gelegt werden, wie eine neue Integration auch von anderen denkbaren Anwendungen genutzt werden könnte. Das individuelle Projekt ist natürlich nichtsdestotrotz einzigartig und weitere Anpassungen können notwendig sein, um sicher zu stellen, dass das Ergebnis den Bedürfnissen des Anwenders bestmöglich entspricht.

Um beides, also die Übertragbarkeit von Integrationen (oder anders herum formuliert die Vermeidung von Insellösungen) und den passgenauen Zuschnitt auf Anwenderbedürfnisse, miteinander vereinbaren zu können, müssen Software-Lösungen flexibler und gegebenenfalls modular gestaltet werden. So können wir Anwendern Zugang zu intelligent integrierten Lösungen verschaffen, ohne dass damit automatisch langwierige Implementationsprozesse, hohe Kosten oder Kompromisse verbunden sein müssen.

Hersteller und Systemhäuser sehe ich hier ganz klar in der Verantwortung. Wir müssen den Markt aufklären und gründlich informieren, ohne dabei das Potential von Integrationen zu übertreiben. Wir – Anwender, Systemhäuser und Hersteller - müssen zusammen arbeiten und uns immer bewusst sein, das man das volle Potential intelligenter Integration nur gemeinsam, im Zusammenwirken starker Partner, realisieren kann.