Verkehrsnetzverknüpfung: Herausforderungen und Chancen für die Sicherheitstechnik

Weltweit steigen die Fahrgastzahlen in den Verkehrssystemen. Zugleich bleibt die Sicherheitslage rund um den Globus weiterhin angespannt. All jene, die mit dem reibungslosen Betrieb und Schutz von Verkehrsinfrastrukturen betraut sind, stellt dies vor enorme Herausforderungen.

Effektive Sicherheitsmaßnahmen einzuführen und durchzusetzen wird zum Balanceakt, wenn gleichzeitig ein störungsfreier Fahrgastfluss ermöglicht werden soll. Zwar steht die Gefahrenabwehr immer an erster Stelle, im Betriebsalltag sind aber das Fahrgasterlebnis und, für Verkehrsbetreiber, Effizienz und Kostenerwägungen von hoher Bedeutung.

Nirgendwo überlagern sich diese Herausforderungen dichter als an Verkehrsknotenpunkten, wo verschiedene Verkehrswege und –mittel zusammenlaufen, wo Grenzen zwischen verschiedenen Betreibern und Hoheitsrechten aufeinandertreffen. Mittendrin sollen Menschenmassen möglichst reibungslos zwischen den verschiedenenTransportwegen wechseln können.

In dieser Ausgabe unserer “Interview Room”-Reihe sprechen wir gleich mit mehreren unserer Verkehrs- und Infrastrukturexperten über die Rolle, die Überwachungstechnik an komplexen Verkehrsknotenpunkten spielen kann und ob intelligente Systemintegration eine Antwort auf die speziellen Sicherheits- und Betriebsherausforderungen darstellt. Mit dabei sind: Jürgen Fuchs, Leiter Strategische Projekte; Chris Bishop, Leiter Internationale Geschäftsentwicklung; und Greg Alcorn, Leiter der Sparte Verkehr & Infrastruktur.

Was gehört denn bei den verschiedenen Verkehrssystemen in Sachen Sicherheit und Überwachung zur Grundausstattung? Gibt es Gemeinsamkeiten oder auch ganz spezifische Herausforderungen?

CB: Alle Verkehrsknotenpunkte stehen vor zwei Hauptherausforderungen: Menschen und Güter zu schützen und dabei sicherzustellen, dass diese innerhalb der Anlage problemlos und effizient von A nach B gelangen können. Die Kombination der beiden Zielsetzungen hat weitreichende Auswirkungen auf den Überwachungsansatz.

Man kann sich hier sehr schnell in Details verlieren. Das virtuelle Einzäunen des Vorfelds, wo Flugzeuge abgestellt und betankt werden, Gesichtsscanner bei der Passkontrolle, sicheres Datasharing zur zentralen Verifizierung von Röntgenbildern verdächtiger Gepäckstücke – das sind alles sehr flughafenspezifische technische Lösungen. Die Prinzipien, die diesen Lösungen zugrunde liegen, sind aber durchaus auf andere Bereiche übertragbar.

Jede Umgebung wird immer eine einzigartige Kombination logistischer Faktoren und spezieller Drittsysteme vorweisen, die es unter einen Hut zu bringen gilt. Das übergreifende Ziel bleibt aber identisch: ein Situationsbewusstsein zu erzeugen, das es ermöglicht, Bedrohungssituationen jedweder Art effektiv zu identifizieren und zu bearbeiten – von der Gefahr an Leib und Leben bis hin zum vergleichsweise banalen Aufrechterhalten der Betriebseffizienz oder des angenehmen Kundenerlebnisses.

JF: Insgesamt beobachten wir angesichts der globalen Sicherheitslage eine Konvergenz und ein Anpassen der Überwachungsanforderungen in den verschiedenen Verkehrssystemen. Mit jeder zusätzlichen Schutzmaßnahme erhöht sich der Effizienzdruck bezüglich der Sicherheitsprozesse und -abläufe. Am besten erreicht wird diese Effizienz durch ein möglichst vollständiges und detailliertes Lagebild und Lageverständnis. Ein solches Überblicksbild kann wiederum nur durch Systemintegration erreicht werden – das Zusammenführen von Sicherheits-, Gefahrenabwehr- und Betriebsdaten auf einer einheitlichen Plattform. So können Muster in den Daten identifiziert und Situationen im Kontext erfasst werden.

Was für Systemintegrationen sind da möglich?

GA: Offene Systemlösungen für Leitstellen sind Datenbank-agnostisch. Das heißt prinzipiell ist die Integration mit jedem denkbaren Drittsystem möglich. Die Integration von Zugangskontrolle, Notfall- und Einsatzleitsystemen, Feuer- und Rauchmeldesystemen, sowie tragbaren/mobilen und festen Überwachungskameras sind schon Standard. In den meisten kritischen Sicherheitsumgebungen – unabhängig von der jeweiligen Branche – gehört eine Sicherheitsmanagement- oder Leitstellenplattform, die Daten dieser Art zusammenführt und überwacht, zum Alltag.

Richtig interessant wird es, wenn wir uns die Einbindung von Systemen wie etwa zur Messung des Publikumsverkehrs, zur automatischen KfZ-Kennzeichenerkennung, von Bewegungsmeldern, Gesichtserkennungssystemen, Gepäckscannern und anderen anwendungsspezifischen Technologien anschauen.
Eine intelligent integrierte Leitstellenplattform kann auch diese Daten zusammenführen und analysieren, Gefahrensituationen erkennen, Anomalien aufzeigen und Leitstellendisponenten durch die jeweils angemessenen Ablaufprotokolle leiten.

CB: Nehmen wir, zum Beispiel, einen unbeaufsichtigten Koffer in einem Flughafengebäude. Mit der Lösung, die Greg da gerade skizziert hat, würden Kameras mit Bewegungsmusteranalyse den ruhenden Gegenstand als nicht zum normalen Bild gehörend erfassen und eine Benachrichtigung an die Sicherheitsleitstelle senden. Gleichzeitig würde die beste Kameraperspektive zur visuellen Bestätigung aufgeschaltet und ein Workflow zur Abarbeitung am Bildschirm ausgelöst. Diese Workflows sind vorkonfiguriert und an die Standardablauf- und Maßnahmenpläne des Flughafen angelehnt.

Der Workflow ruft den Disponenten dazu auf zu bestätigen, dass die eingegangene Meldung tatsächlich unbeaufsichtigtes Gepäck betrifft. Antwortet der Disponent mit ‘ja’, wird automatisch eine SMS an ein Sicherheitsteam in der Nähe des Objektes gesendet. Die Nachricht enthält ein Kamerabild und GPS-Koordinaten des verdächtigen Gepäckstücks. Das System schlägt dem Disponenten in der Leitstelle zudem vor, eine Lautsprecheransage auszulösen, welche die Fluggäste dazu aufruft zu schauen, ob sie all ihre Gepäckstücke bei sich haben. Mittlerweile hat das Sicherheitsteam den verdächtigen Koffer überprüft und festgestellt, dass keine Gefahr davon ausgeht. Das Sicherheitspersonal muss dann nur einen kurzen Code in eine SMS eintippen und damit die Leitstelle davon in Kenntnis setzen, dass der Vorfall abgeschlossen ist.

Workflows wie dieser sind also eine sehr effiziente und einheitliche Vorgehensweise zur Bearbeitung potentieller Bedrohungssituationen – ohne dabei zu größeren Störungen oder Unannehmlichkeiten für Fluggäste zu führen.

Wie funktioniert das denn an Verkehrsknotenpunkten – etwa wenn eine Bahnstrecke unterirdisch an einem Flughafen endet. Die beiden Areale würden ja von zwei unterschiedlichen Betreibern kontrolliert. Entstehen da nicht zwangsläufig Lücken bei der Überwachung?

JF: Auch hier können Workflows eine wichtige Rolle spielen. In dem Szenario, das Chris uns gerade unterbreitet hat, ruft der Workflow dazu auf, Sicherheitspersonal zu kontaktieren. Genauso gut könnte er aber dazu aufrufen, mit einer externen Instanz in Kommunikation zu treten – etwa der Feuerwehr oder der Leitstelle des Bahnbetreibers.

Es ist möglich, fast jede denkbare externe Stelle sicher einzubinden und Fernzugang zu Bildern von Überwachungskameras zu ermöglichen. Hätte sich etwa der Koffer aus unserem Beispiel doch als verdächtig oder gefährlich und sein Besitzer als unauffindbar herausgestellt, dann hätte ein Workflow den Mitarbeiter in der Flughafensicherheitsleitstelle dazu veranlasst, Überwachungsbilder zu analysieren, um ein Bild der Person zu finden, die den Koffer abgesetzt hat. Dieses Bild könnte dann automatisch an das mobile Sicherheitspersonal des Bahnhofsbetreibers und an Zugbegleiter weitergeleitet werden (zum Beispiel per MMS).

Aus Sicht des Bahnbetreibers können – unter Einsatz der gleichen Technologie -Überwachungsteams, denen ein Vorfall an Bord eines den Flughafen anfahrenden Zuges gemeldet wird, Videobilder direkt an Flughafensicherheitspersonal übertragen, um so verdächtige Personen oder Zeugen schnell aufzufinden.

Verbesserungen bei Datenverbindungen werden es bald möglich machen, dass fahrzeugseitige Überwachungs- und Sicherheitsdaten bei der Ankunft an einem Knotenpunkt automatisch hochgeladen und aufgeschaltet werden. Die bisherige Trennung von mobilen und statischen Sicherheitssystemen wird aufgehoben.
Digitalisierung treibt zudem die Automatisierung von Prozessen voran, was wiederum die weitere Vernetzung von Sicherheits- und Einsatzleittechnik in Verkehrssystemen unterstützt.

Kommt mit Digitalisierung und Automatisierung dann die menschenleere Leitstelle?

GA: Ganz und gar nicht. Im Gegenteil – der größte Vorteil integrierter Leitstellensysteme mit Workflow-Funktion ist, dass sie menschliche Aktivität unterstützt und verstärkt. Entscheidungen werden so auf Basis von besseren Informationen getroffen, und die Einsatzbearbeitung wird insgesamt einheitlicher.

Und da das System automatisch alles mitloggt, können Leitstellenmitarbeiter in der Gewissheit handeln, dass alle Reaktionen und Aktivitäten im Überprüfungsfall in Beweisqualität belegt werden können.

Ein solches System kann sich außerdem positiv auf das Personalmanagement auswirken. Die integrierte Lösung kann schließlich alle möglichen Vorfälle registrieren und bearbeiten – es muss nicht immer um Sicherheit gehen. Die automatische Analyse des Publikumsverkehrs könnten zum Beispiel einen entsprechend konfigurierten Workflow auslösen, der bei langen Warteschlangen zusätzliches Personal anfordert, etwa um mehr Fahrkartenschalter zu öffnen. Auf der Betriebsebene könnte ein integriertes System automatisch ein Wartungsteam alarmieren, wenn es einen Anlagenausfall entdeckt. Es ist ein ausgesprochen effizienter und effektiver Mechanismus, der sicherstellt, dass verfügbares Personal immer genau da eingesetzt wird, wo es am dringendsten gebraucht wird.

Welche Hürden stehen dieser Verknüpfung von Sicherheitssystemen, sowohl im Hinblick auf Verkehrsknotenpunkte als auch auf die Verbindung von fahrzeugseitiger und statischer Technologie, heute noch im Wege?

CB: Vom technischen Standpunkt gesehen gibt es die erwähnten Innovationen alle schon. Die größte Barriere ist immer noch die Bandbreite. Momentan ist die Datenübertragung in Echtzeit gerade bei Bilddaten noch eine echte Herausforderung. Das wird sich aber mit dem Übergang zu 5G, also in den nächsten 3-4 Jahren, ändern.

GA: Die größten Hürden sind eigentlich menschlicher Natur. In Ländern, in denen öffentliche Verkehrsinfrastruktur nicht in Staatshand ist, zeigen konkurrierende private Betreiber oft wenig Bereitschaft, Systeme zu integrieren und zu teilen.

Politische und rechtliche Faktoren spielen auch eine Rolle bei der Ausschöpfung des Potenzials, das in vernetzter Sicherheit steckt. Erfolgreich war das zum Beispiel in Madrid, wo politische Notwendigkeiten zu größerer Kollaboration geführt haben.

JF: Madrid ist wirklich ein eindrucksvolles Beispiel. Eine große zentrale Leitstelle empfängt und integriert dort Daten aus 40 kleineren, stadtweiten Überwachungsräumen, die zusammen Informationen, Meldungen und Daten von allen staatlichen und privaten Verkehrsbetreibern bearbeiten. Insgesamt überwachen sie über 100 Busstrecken, 300 Linien und 200.000 Kameras – samt Verkehrskreuzüberwachung und fahrzeugseitigen Kameras.

Die Struktur des Systems macht es leichter, gut informierte und abgestimmte Entscheidungen zu treffen, ohne dabei parallel oder aneinander vorbei zu arbeiten. Alle Mitarbeiter können gleichzeitig auf die gleichen Daten zugreifen, was die Einsatzbearbeitung verbessert. IT wird hier so eingesetzt, dass letztendlich das gesamte Verkehrssystem profitiert. Es ist ein tolles Beispiel für echtes kollaboratives Arbeiten.

Welche Zukunftstrends zeichnen sich in Sachen verknüpfte Sicherheit in Verkehrssystemen ab?

JF: Über die heute hier besprochenen Integrationen hinaus ist einer der größten Trends, die wir bald sehen werden, dass Fahrgäste selbst zu Datenquellen werden.

In Deutschland, wo Überwachungskameras ja nicht flächendeckend im Einsatz sind und auch nicht permanent laufen dürfen (sie fangen an aufzunehmen, wenn ein bestimmter Alarm ausgelöst wird), schauen sich Betreiber jetzt Smartphone-Apps als zusätzliche Signalquelle an. Die Idee: Fahrgäste haben mit der App auf ihrem Smartphone einen “Panikknopf” dabei, den sie bei einem Vorfall in ihrem Zug- oder U-Bahnabteil drücken können, und der dann die jeweiligen Kameras an Bord zum Aufzeichnen anregt und Leitstellenteams alarmiert. Da steckt unglaubliches Potenzial drin.

Bis dahin konzentrieren wir uns weiter darauf, Betreiber von dem ebenfalls enormen Potenzial zu überzeugen, das in heute schon möglichen Integrationen steckt.